Reisebericht

Auf Du und Du in Kathmandu

Zwar ist das nicht der Everest, aber immerhin der Manaslu und der ist auch über 8.000 m hoch. Wir konnten ihn bei Sonnenuntergang und (wer wollte) auch bei Sonnenaufgang bewundern. Und beim Fliegen!!!!

Einmal auf dem Dach der Welt Gleitschirm zu fliegen, davon habe ich schon immer geträumt. Und Träume sind bekanntlich dazu da, sie zu verwirklichen. Also hieß es im Winter dieses Jahres — auf nach Nepal. Ich war schon sehr gespannt, was mich auf dieser Reise erwarten würde. Auf was für ein großes Abenteuer ich mich da eingelassen hatte, davon ahnte ich nichts.

Die Anreise gestaltete sich schon einmal höchst komfortabel, mit dem A 380 ging es nach Dubai. Das höchste Gebäude der Welt und die anderen kleineren 🙂 Wolkenkratzer in der Nacht glitzern zu sehen, das wäre schon mal toll gewesen. Leider saß ich auf der falschen Seite des Fliegers 🙁 .  Auch auf dem Weiterflug nach Kathmandu als wir am Mount Everest vorbeiflogen, hatte ich Pech. Saß wieder auf der falschen Seite …  🙁   Unsere Gruppe hatte sich schon in Dubai zusammengefunden und bestand aus zehn Piloten, einer Nichtfliegerin (die auf der Reise ab und an im Tandem Platz nahm) und einem deutschen Fluglehrer. Zwei nepalesischen Piloten, die auch unsere Guides waren, sollten wir in Kathmandu treffen.

Mit einem Kleinbus fuhren wir vom Flughafen zu unserem Hotel in Kathmandu. Es war mein erster wirklicher Asientrip, mal abgesehen von Georgien, Aserbaidschan (achso das liegt ja gar nicht in Asien) Türkei und VAE. Der Straßenverkehr war für europäische Gemüter absolut chaotisch. Alles war in eine Dunstglocke gehüllt, die wohl aus aufgewirbeltem Staub und Abgasen bestand. Der Dreck, die Menschenmassen, die Fremdartigkeit – zehn Flugstunden von zu Hause entfernt – hier war man plötzlich in eine völlig fremde Welt eingetaucht. Zwar hatte ich eine gewisse Vorstellung von Nepal, aber die Realität traf mich wie ein Schlag. Doch ich fand es auch irgendwie spannend und faszinierend.

Auf mich wirkte die Stadt ziemlich chaotisch. Trotzdem hat Kathmandu etwas Magisches.

Der Kleinbus hielt, als die Gassen immer enger wurden und kein Durchkommen mehr war. Unser Hotel lag im Stadtteil Thamel und war ok. Nachdem wir unser Hotelzimmer bekommen hatten,  zogen wir los um Thamel zu erkunden. Die Gassen der Stadt waren eng und grau, dafür aber mit bunten Gebetsfahnen bespannt. Überall roch es so seltsam, ich tippte mal auf Räucherstäbchen. Zum Teil konnte man noch die Risse in den Häusern sehen vom Erdbeben 2015. Gegen Abend wurde es richtig kühl. Auf solche Temperaturen waren wir nicht vorbereitet, zumindest Jens nicht. Outdoorläden gab es hier genug und wir erhandelten eine „North Face“ 🙂 Jacke zum Preis von umgerechnet 19 Euro. Bei diesem Schnäppchenpreis nahm Jens gleich noch eine zweite mit. Hat man das Wechsel beim Fliegen. Am Straßenrand brannten jetzt überall Feuer und wie ich feststellte, nicht aus romantischen Gründen. Sondern um sich die Finger zu wärmen.

Am Abend traf sich unsere Gruppe im Restaurant. Das Essen fand ich sehr gut, nur Heizung und Stühle fehlten 🙂 . So saßen wir am Boden in warme Decken gehüllt, irgendwie ist hier alles anders. Wie wir feststellten, boten die nepalesischen Brauereien ein Auswahl an Landebieren an, wie zum Beispiel das Everest-Bier. Das probierten wir gleich mal. Schließlich sind wir heute ja auch geflogen (mit dem A 380 🙂  ). Das Hotelzimmer empfing uns mit Eiseskälte. Zum Glück gab es einen Heizlüfter. Den stellten wir auf die höchste Stufe.

Am nächsten Morgen kletterten wir auf das Hoteldach. Man hatte einen tollen Rundumblick über Kathmandu, wo gerade die Sonne aufging. Die Stadt war in ein dunstiges Licht getaucht und auch die Geräusche kamen nur gedämpft hier oben an. Die Gebetsfahnen und die Wäsche flatterten im Wind und man konnte in der Ferne die goldene Kuppel die Swayambhu Stupa in der Sonne glänzen sehen. Ein magischer Moment.

Wir beladen unseren Kleinbus für die Fahrt nach Phokara.

Vom Hotelpersonal mit Gebetsschals behangen, stiegen wir in einem gemieteten Bus der uns nach Pokhara bringen sollte. Da wir nicht alle in den Kleinbus reinpassten, stiegen wir später auf einen Großbus um. Der war wiederum halb leer und jeder hatte 5 Sitzplätze zur Verfügung. Zuerst quälten wir uns zusammen mit den buntbemalten Trucks die Passstraße aus Kathmandu raus. Ich war entsetzt, in welchem Zustand sich eine der Hauptverkehrsadern des Landes befand. Die Trucks wirbelten so viel Staub auf, dass alle Häuser und Passanten am Straßenrand eingenebelt wurden. Das Autofahren in Nepal ist echt ein Abenteuer. Die Überholmanöver sind atemberaubend, öfters kam uns auf unserer Spur in der Kurve ein LKW entgegen!! Dann heißt es schnell ausweichen in den Straßengraben, aber auch dort besteht die Gefahr, spielende Kinder und fliegende Händler über den Haufen zu fahren.

Die Fahrt zog sich hin. An den steilen Bergen klebten überall Terrassenfelder und in der Mitte des Tals befand sich ein breiter Flusslauf. Durch das Gerüttel im Bus konnte ich nicht schlafen, obwohl ich total müde war. Gelegentlich hielt der Bus an einer „Raststätte“, diese Pausen hatten wir auch dringend nötig. Eine handgezimmertes hölzernes Kinderkarussell wurde sofort von uns in Beschlag genommen. Mir war aber schon vom Fahren schlecht, da brauchte ich keine zusätzlichen Umdrehungen.


Jetzt sind wir da, in Pokhara

Unfallfrei, aber komplett durchgeschüttelt und gerüttelt, kamen wir gut Pokhara an. Für die 200 km hatten wir unglaubliche 6 Stunden gebraucht!! Unser Hotel lag am Phewa-See, gleich daneben befand sich der Landeplatz am Seeufer. Zum Essen gingen wir ins Restaurant, der Weg dahin war dunkel, Straßenlampen waren hier nicht allgegenwärtig. Wieder saßen wir am Boden und in Daunenjacken gehüllt. Als Sitzkissen dienten Autoreifen. Da Jens ein Sitzproblem hatte, stapelte er zwei Reifen übereinander. Darauf thronte er dann wie ein Buddha.

Am nächsten Tag sollte es nun endlich zum Fliegen gehen. Zuerst durchquerten das übliche Verkehrschaos von Pokhara, das sich nicht von dem in Kathmandu unterschied. Unser Fahrer fuhr natürlich im Nepali-Style und unser Kleinbus befand sich ständig auf der rechten Fahrbahnseite – ich dachte wir haben hier Linksverkehr?? Über holperige, aber asphaltierte Bergstraßen erreichten wir den Gipfel des Sarangkot. Pokhara ist das bekannteste Fluggebiet Nepals und entsprechend viel frequentiert. Hier sind auch viele einheimische Tandempiloten unterwegs, welche Touristen durch die Luft chauffieren. Auch unser Local-Guide, der unsere Reise begleitet, verdient so sein Geld im Flug. Mit diesem Einkommen liegt er weit über dem nepalesischem Durchschnitt. Unser deutscher Fluglehrer hatte ihn hier vor Jahren kennengelernt und ihm das Fliegen beigebracht. Mittlerweile ist er ein absoluter Profi und kennt sich mit den Gegebenheiten hier bestens aus.

Jens ist gut gelandet am Phewa-See

Der Sarangkot hat eine Höhe von 1.530 Metern, vor dem Berg kann man sehr schön aufdrehen und unten bequem am Landeplatz am See landen. Es ist ein einfaches Fluggebiet mit phantastischer Aussicht auf die Achttausender Dhaulagiri (8.167 m) und Annapurna (8.091 m) sowie auf den markanten Siebentausender Machapuchare. Theoretisch fliegt man vor der Kulisse dieser phantastischen Fototapete, aber leider waren die hohen Berge in den Wolken versteckt und ließen nur gelegentlich mal eine Spitze aus dem Nebel auftauchen. Das sind schon unfassbare Bergriesen. Bisschen größer als die Alpen. Sehr schade das da nicht viel zu sehen war. Wir warteten bis der Nebel sich so weit verzogen hatte, dass man das Ufer des Sees erkennen konnte. Dann starteten wir. Mein Schirm freute sich mal wieder an der frischen Luft zu sein, denn die Anreise hatte er nur sehr zerknittert überstanden. Ich fand dieses Fluggebiet einfach, drehte meine Runden vor dem Berg und landete schließlich am Seeufer. Ich war total happy. Von oben hatte man eine so tolle Aussicht auf den See. Am Landeplatz konnte man seinen Schirm für 1 Euro (unverhandelt) oder 50 Cent (verhandelt) zusammenlegen lassen. Ich war faul und ließ packen.

Am nächsten Tag hatten wir die Aufgabe Punktlanden. Das ist nun nicht gerade meine Königsdisziplin und ich habe es auch gründlich versemmelt. In der Meinung noch genug Höhe zu haben, bin ich über dem Hotel rumgegurkt und dann reichte es eben nicht mehr bis zum Landeplatz. Blöderweise war auch noch das Feld recht schlammig, auf dem ich einlandete. Dementsprechend sah meine Hose aus. Vor dem Hotel gab es einen Bachlauf, in dem die Frauen ihre Wäsche wuschen. Hinter dem Hotel gab es eine Wäscherei, auf einem Schild wurde versprochen mit der Waschmaschine zu waschen. Im guten Glauben gab ich da meine Hose ab.

Wie sich auf dieser Reise noch zeigen sollte, war es enorm wichtig auch mit kleinen Landeplätzen zurechtzukommen.

Am nächsten Tag fuhren wir zu einem Startplatz, der etwas weiter entfernt war vom Landeplatz.

Die Achttausender Annapurna und weiter hinten Dhaulagiri

Endlich hatte sich mal der nervige Nebel verzogen und gab etwas von den phantastischen Blick auf die Achttausender frei. Die Bergriesen sahen schon gewaltig aus. Nach dem Start konnte ich schön aufdrehen und hatte die gigantischen Gipfel direkt vor mir. Wahnsinn!!. Ich konnte meinen Blick kaum davon losreißen, doch leider musste ich auch auf den Gegenverkehr achten. Mit mir zusammen kreisten riesige Greifvögel (Geier, Adler oder so) in dem Bart, sie waren die perfekten Thermikanzeiger. Auf dem Weg zum Landeplatz war ich mir nicht sicher, ob die Höhe bis dahin reichen würde. Da ich eine frische Hose anhatte :-), drehte ich ab und flog einen Landeplatz am anderen Ende des Sees an. Zusammen mit zwei Tandems landete ich dort ein. Das Problem war jetzt, wieder zurück nach Pokhara zu kommen. Entweder kilometerlang laufen oder ich suchte mir eine Mitfahrgelegenheit. Ich entschied mich für die Mitfahrgelegenheit. Schließlich saß ich in einen Kleinbus gequetscht zwischen singenden und selfiemachenden Chinesen, die gerade einen Tandemflug gemacht hatten. Die waren total aufgekratzt. Ich übrigens auch. Am Hotel schmissen sie mich aus dem Bus. Das war sooo lustig.

Abends saßen wir in einem sehr coolem Restaurant am See mit Lampignos und offenem Feuer. Wieder gab es sehr leckeres Essen. Danach meldete sich mein Darm und gab die ganze Nacht keine Ruhe. Obwohl es mir nicht so schlecht ging, beschloss ich, mich den Tag auszuruhen und auszuschlafen. Auch weil ich gehört hatte, dass zum Startplatz diesmal eine anstrengende Wanderung vorgesehen war. Zwar fand die Wanderung statt, vor der ich mich gedrückt hatte, aber zuvor wurde wegen Starknebels das tibetische Dorf besucht, in welchem die Flüchtlinge aus Tibet leben. Es durften mal die Gebetstrommeln gedreht werden, wobei die Richtung wichtig ist, wie man mir erzählte. Gestern beim Shopping hatte ich schon bei einer Tibetern schönen Schmuck gekauft und mich lange mit ihr unterhalten. Die Armbänder waren aus dem Horn und den Zähnen vom Yak hergestellt. Ich werde diese jetzt immer beim Fliegen tragen, für das bessere Karma zum Obenbleiben 🙂 . Bei der Fliegerei hatte ich derweil nicht viel verpasst, man ist voll in die Nebelsuppe reingeflogen, von See und Landschaft nichts zu sehen. Im Restaurant am Abend gab es Stühle UND Heizung! Sehr erfreulich. Danach hieß es Rucksack packen, wir wollten die nächsten Tage in einem anderen Fluggebiet verbringen.


Das Abenteuer beginnt

Die Fahrt dauerte wieder stundenlang und war anstrengend. An die Straßenverhältnisse hatte man sich inzwischen schon gewöhnt. Das war auch gut so, denn jetzt wurde es noch krasser. Wir bogen von der Hauptstraße ab, hier begann die asphaltfreie Zone. Das Gepäck und die Piloten wurden auf drei Jeeps verladen. Unser neues Quartier lag auf einem Berg, erreichbar nur über sehr bedenkliche Offroad Pisten. Dicker Nepali-Powder bedeckte diese Straßen, die diesen Namen nicht verdient haben. Wir wirbelten echt viel Staub auf, im wahrsten Sinne des Wortes. Hinter uns war die Sicht gleich Null. Entgegenkommen durfte hier einem nichts auf diesen schmalen Pisten! Aber wir waren eh die einzigsten Autos hier. 1 1/2 Stunden dauerte die Fahrt den Berg hinauf, vorbei an schwindelerregenden Abgründen, Bergdörfern und Schulkindern am Wegesrand. Sehr ordentlich durchgerüttelt kamen wir endlich an. Unser Gepäck hatte die Farbe der Piste angenommen. Nur schnell Rucksack in die Ecke schmeißen und schon ging’s hinauf zum Startplatz. Von einer Bergkuppe aus konnte man starten und der Platz war auch zum Toplanden geeignet. Denn im Tal landen hieß, eine anderthalbstündige Auffahrt auf sich nehmen. Das überlegt man sich wirklich gut :-). Die Aussicht war heute leider, wie auch die anderen Tagen schon, leicht diesig. Auch der Landeplatz lag im Nebel, aber wir kannten ja die ungefähre Richtung. Für mich war das ungewohnt, aber was solls.

Bei meinem ersten Flug konnte ich mich etwas an einem Bergrücken halten. Zusammen mit einem anderen Schirm flog ich mit geringer Höhe über die Bäume hinweg. Als ich mich nicht mehr halten konnte, machte ich mich auf dem Weg zum Landeplatz. Vor mir tat sich ein breites Tal auf, mit grünen, braunen und gelben Feldern. Dieses Tal musste ich entlang fliegen, am Ende befand sich ein noch größeres Tal mit einem breiten Fluss. Dort lag der Landeplatz. Aber meine Höhe reichte nicht mehr bis dahin. Also suchte ich mir ein schönes Feld aus. Möglichst kein schlammiges. Ca. 200 Meter vor dem Ziel stand ich am Boden. Das Feld war trocken. Alles blühte hier gelb (Raps?, Senf?).

Tolle Aussicht hier oben. Manchmal begleiten Geier und Adler meinen Flug.

Noch etwas Groundhandling am Landeplatz und dann ging die Fahrt wieder hinauf auf den Berg. Der Fahrer konnte scheinbar nur mit ohrenbetäubender nepalesischer Pop-Musik die Strecke ertragen, Jens nervte das. Er tippte in seinen Google-Übersetzer deutsch/nepalesisch: „Bitte Musik etwas leiser machen.“ und zeigte es dem Fahrer. Der aber wollte oder konnte es bei dem Geruckel nicht lesen. Wir wurden also weiterhin beschallt, bis wir oben ankamen. Mich störte es nicht. Jeder Jeep hatte zwei Fahrer, der eine saß am Steuer und der andere fuhr entweder auf dem Dach mit, saß auf der Kühlerhaube oder stand auf der Ladefläche. Er war das Navi und die Einparkhilfe in einer Person. Eine Fahrt außerhalb des Fahrzeugs überlebte man nur mit einer Staubmaske. Als wir ankamen, war es schon dunkel. So mussten wir wenigstens nicht mehr in die schwindelerregenden Abgründe schauen, die am Wegesrand lauerten. Unsere Lodge am Berg bestand aus mehreren Gebäuden. Wir bezogen ein einfaches Zimmer mit 2 Betten. Dusche und Toiletten befanden sich im Hof, ebenso die Waschbecken, wo man sich an der frischen Luft die Zähne putzen konnte. Zum Abendessen sollten wir uns in den Hof begeben. Auf einem Ofen wurde Fleisch gegrillt, dazu gab es Reis, Gemüse und natürlich Everest Bier. Es war stockdunkel und der Weg über Treppen und an steilen Abgründen vorbei erwies sich besonders nach dem Landebierkonsum als gefährlich. Leicht angeschickert balancierte ich den Weg zu unserem Zimmer zurück. Stirnlampen wären hier nützlich gewesen. Wir hatten aber nur eine Taschenlampen-App. Im dem ungeheiztem Zimmer gingen wir in Skiunterwäsche schlafen.

Längerer Fußmarsch zum offiziellen Landeplatz. Das hat man davon, wenn man vorzeitig absäuft.

Die Morgentoilette in der Morgensonne fiel auch nicht so üppig aus, aber mit den ersten Sonnenstrahlen wurde es auch wieder wärmer. Wir saßen am Abgrund mit einer Tasse Tee in der Hand und beobachteten wie sich der Morgennebel langsam verzog. Am Startplatz hatten wir diesmal jede Menge Zuschauer. Außer uns waren auch noch nepalesische Piloten hier. Etwas gewöhnungsbedürftig für europäische Flieger, hier wurde am Startplatz eine Ziege geschlachtet! Ich hatte schon gefrühstückt und wollte mir das auch nicht ansehen. Mein Flug war schön, aber leider hatte in an einem Bergrücken zu viel Höhe vergeigt, weil ich wohl immer neben der Thermik kreiste. Ich schaffte es gerade noch in das Tal mit den vielen Terrassenfeldern. Erschrocken bemerkte ich, dass eine Stromleitung von Berg zu Berg quer über das Tal gespannt war. Ich wägte ab, ob ich es da noch drüber schaffen könnte und bemerkte dahinter eine zweite Leitung. Also drehte ich ab und steuerte das größte Feld an. Kaum war ich gelandet, kamen zwei Ziegenhirten neugierig angelaufen. Sie zeigten auf meinen Schirm und wollten ihn auch mal anfassen. Mit Händen und Füßen fragten sie, wozu denn die Löcher (Eintrittskanten) im Schirm gut sind. Sie sprachen nur nepalesisch. Unter Beobachtung packte ich meine Sachen zusammen, als ich plötzlich Jens am Himmel sah. Er landete nebenan im gelben Rapsodersenffeld. Ich war total happy, dass ich die Wanderung zum offiziellen Landeplatz nicht allein antreten musste. Zusammen machten wir uns auf den Weg, immer auf den Mäuerchen zwischen den Feldern entlang. Die freundlichen Einheimischen wiesen uns den Weg aus dem Labyrinth der Felder. Das war echt lustig. Nach jeder Wegbiegung, an der wir ratlos rumstanden, zeigten sie uns wo es weitergeht. Nach einigem Zickzack durch die Felder und dem Balancieren über metertiefe Wassergräben (was ich mit dem schweren Gepäck auf dem Rücken mit äußerster Vorsicht machte um nicht abzustürzen) erreichten wir endlich die Staubpiste, die hinunter zum Landeplatz führte. Es war noch ein längerer Marsch. Unsere Gruppe hatte sich derweil in der Gegend verteilt. Nicht alle waren am Landeplatz 1 gelandet, manche auch am Landeplatz 2 oder 3 oder sonstwo. Wir wurden alle von den Jeeps wieder eingesammelt und zu einem Restaurant im Tal gebracht, wo es Landebier gab. Nebenan im Dorf sah ich ein großes Festzelt. In ganze Nacht hörten wir dann laute Trommelmusik aus dem Tal. Das Landebier half beim Einschlafen.


Unterwegs abseits der Touristenpfade

Am nächsten Tag sollte die Reise schon weiter gehen. Tagesziel war, soweit wie möglich zum nächsten Etappenziel zu fliegen. Dafür gab es ein großes Briefing. Anhand einer Skizze erklärte man uns die Berge und sieben mögliche Landeplätze. Nach dem Frühstück verluden wir unser Gepäck auf die Jeeps. Wir hatten die Order, nach unserer Landung unsere GPS-Koordinaten durchzugeben, damit die Fahrer uns dann dort abholen konnten. So der Plan. Auf gings zum Startplatz und einer nach dem anderen flog hinaus in die (Berg)welt. Nach dem Start sollten wir uns alle unter einer Wolke treffen, um dann gemeinsam zu unserem neuen Ziel zu fliegen. Die Thermik war perfekt, unsere gefiederten Freunde waren auch bereits unterwegs. In einem Geländeeinschnitt fand ich einen tollen Bart, da ging es so gut hoch wie in einem Expressfahrstuhl. War allerdings auch etwas ruppig. Deswegen flog ich immer durch, wenn sich die Höhe zu Ende neigte. Nachdem alle unter der Wolke im Kreis flogen, was wirklich einmalig war und ich in meinem privaten Megabart klebte, ging es los für die anderen zum ersten Talsprung. Ich klingte mich aus, da ich nicht die Streckenfliegerin bin. Am Ende des Tages waren alle irgendwo in irgendwelchen Tälern weit verstreut gelandet und mussten von den Fahrern wieder eingesammelt werden.

Nach einem schönem Flug machte ich mich dann auf zu dem Tal, wo sich die Landeplätze 1, 2 und 3 befanden. Aus der Draufsicht sahen die steilen Berge irgendwie flach aus, komisch eigentlich. Ich war mega entspannt, die Aussicht war grandios, ich saß bequem und beobachtete die klitzekleinen Häuser mit den blauen Dächern und die verschiedenfarbigen Terrassenfelder aus der Vogelperspektive. Mit komfortabler Höhe kam ich in dem breitem Tal an, in der Mitte gab es einen großen Fluss mit mehreren Brücken. Für uns dienten die Brücken zur Orientierung zum Auffinden der Landeplätze. Ich hatte die Wahl zwischen Landeplatz 1 und 2 (zu 3 wollte ich nicht rüber fliegen) und entschied mich für 1, weil ich dort einen Schirm landen sah. Wie ich am Boden feststellte, aber leider niemand von uns. Ich war allein hier. Auf dem Landeplatz fand ein Schulfest statt und einer der Jeeps war auch vor Ort. Die zwei Fahrer fuhren mich aber nicht gleich zum Treffpunkt, sondern ich musste warten ehe sie sich unberechtigterweise an der Schulspeisung satt gegessen hatten. Wie ich belustigt feststellte, muss man mit dem Jeep nicht umständlich die Brücke nehmen, man kann auch locker eine Abkürzung durch den Flusslauf fahren.

Die Menschen, die wir unterwegs treffen, sind offen und freundlich.

Im Restaurant vom Vortag angekommen, beschloss ich ins Dorf laufen zu dem Festzelt. Leider war es schon fast abgebaut, also keine Feierlichkeiten die drei Tage dauern. Die Dorfbewohner sprachen mich an, wollten wissen wie ich heiße und wo ich herkomme, das sind echt sehr freundliche Menschen hier. Frauen schoben mir ihre Kleinkinder zu, damit mich diese mit einem „Namaste“ begrüßen. Ich war gerührt. Ein Vater präsentierte mir stolz seinen Stammhalter (dieser war in einen rosa Anorak gehüllt) und wollte das ich ein Foto von ihm mache. Als ich die schaukelige Hängebrücke überqueren wollte, umringten mich Kindern, die ständig „Schoko, Schoko“ riefen. Leider hatte ich kein Schoko Schoko dabei.

Von hier aus wurde ich dann mit dem Jeep in ein anderes Dorf im Tal gebracht, dort traf ich ein paar andere aus unserer Gruppe. Der Rest war immer noch unterwegs, entweder in der Luft oder am Boden. Für die Dorfbewohner waren wir die Attraktion, hier verirren sich scheinbar fast nie Touristen her. Alle schauten sehr neugierig aus den Fenstern oder blieben auf der Straße stehen und drehten sich um. Wir tranken Bier und warteten. Am Abend trafen dann die restlichen zwei Jeeps ein. Alle hatten einen Hammerflug gehabt und waren entsprechend aufgekratzt, Jens ebenso. Er war ziemlich fertig, aber megaglücklich. In zweieinhalb Stunden hat er sich von Berg zu Berg gehangelt und ist dann in einem Flußtal an einem Platz gelandet, den er für Landeplatz 7 hielt. Zumindest sah der von oben so aus, Auto-Brücke und daneben eine Hängebrücke. Es war aber nicht Landeplatz 7, sondern das Nirgendwo, wie sich dann herausstellte.

Die Großmutter hat für uns gekocht. Es gibt Dhal Bat.
Grandioser Empfang im Bergdorf

Das Bergdorf, in dem wir die nächsten Tage verbringen wollten, war wieder nur über so eine krasse Staubpiste zu erreichen. Erst durchquerten wir einen Flusslauf und dann ging es 1 ½ Stunden den Berg hinauf. Als wir das Dorf erreichten, war es bereits dunkel. Etwas irritiert stiegen wir aus den Jeeps. Die Dorfbewohner hatten sich versammelt und empfingen uns mit lauten Trommeln und Posaunen. Total überrascht und überwältigt folgten wir der Musik bis zum Dorfplatz. Dort bereitete man uns einen beeindruckenden Empfang. Man behängte uns mit Blumenketten, servierte Reisschnaps und reichte Häppchen. Irgendwie konnte man das alles gar nicht so schnell verarbeiten. Danach wurden wir auf die Gastfamilien aufgeteilt. Unsere Gastfamilie wohnte gleich neben dem Dorfplatz und bestand aus Vater, Mutter, Kind sowie Großvater und Großmutter. Wir bekamen ein Zimmer, in dem 3 Betten standen und ein Tisch. Wenig später hatte die Großmutter für uns das Essen zubereitet. Wir saßen im Wohnraum der Familie und es gab Dhal Bat, das nepalesische Nationalgericht. Es besteht aus Reis, Gemüse, etwas Fleisch, Linsensuppe und einer scharfen Soße. Dazu Tee und heißes Wasser. Wir saßen in Daunenjacke am Tisch, auch hier fehlte die Heizung. Ich war echt überwältigt, die Familie war so nett. Wir konnten uns mit Ihnen in englisch unterhalten. Nach dem Essen trafen wir uns wieder mit den anderen sowie den Dorfbewohnern und es wurde ein großes Fest gefeiert. Das war echt Klasse. Die Mädchen aus dem Dorf führten Tänze auf, das gefiel besonders unseren einheimischen Fahrern, alles junge Kerle unter Zwanzig. Zum Schluss haben wir alle wie wild getanzt. Im Dunkeln suchten wir wieder das Haus unserer Gastfamilie auf und fielen ins Bett.

Unsere Gastfamilie

5:45 Uhr war die Nacht zu Ende. Draußen ertönte laute Musik „Om Mani Palme Hum“, ein Gebetssong in Endlosschleife. Um 6:00 Uhr fuhr scheinbar der Frühbus ins Tal, denn er tutete so ohrenbetäubend, bis auch der letzte Dorfbewohner aus dem Bett gefallen war. Das wiederholte sich jeden Morgen. Früh schien wieder die Sonne. Neben unserer Hütte war ein Badehäuschen, sogar mit Wasser-WC und Dusche. Bloß lief bei beiden nie das Wasser. Also hieß es Zähneputzen im Hof am Wasserhahn. Mir rannten die Hühner über die Füße und die Morgentoilette fiel auch nicht allzu üppig aus. Die Großmutter saß mit der Schwiegertochter im Hof und auf das Boden auf einer Decke lag das Baby, 6 Monate alt. Zur Familie gehörten noch ein Sohn und ein Großvater. Das Frühstück bestand aus einer Art Palatschinken, Kartoffeln, hartgekochten Eier und schwarzem Tee, extrem gesüßt.

Mein Gleitschirmpacksack ließ sich durchs Dorf tragen und wurde anschließend auf einen der Jeeps verladen. Dann rumpelten wir den Berg hinauf Richtung Gipfel. Affen rannten über den Weg und schauten uns neugierig hinterher. Gern wär ich mal zum Streicheln ausgestiegen, aber wir hatten keine Zeit. Als die Fahrzeuge wieder steckenblieben, hieß es Gepâck schultern und zu Fuß den steilen Berg hinauf. Oben angekommen, brauchte ich erst mal eine Siesta. Am Groundhandlingtraining beteiligte ich mich erst später. Als ich dann doch mal einen Versuch wagte, hob der Schirm beim Umdrehen sofort ab. Mit Mühe konnte ich ihn wieder zum Landen bewegen, holte mir dabei allerdings ein paar kleine Blessuren. Ich schaute in die neblige Ferne und hatte beim besten Willen keine Ahnung, wo denn der Landeplatz war. Er befand sich neben dem Dorf im Tal, von wo wir gestern den Berg hinauf gefahren sind. Aber wo im Nebel lag das Dorf? Ich bin doch nicht Google Maps. Auf alle Fälle lag er recht weit weg, der Landeplatz. Und wahrscheinlich nur erreichbar, wenn man vor dem Berg ordentlich aufgedreht hatte. Hm. Toplanden war erlaubt, aber am Berg bei den Terrassenfeldern einlanden wurde uns verboten, zu gefährlich.

Ist auch mal ganz gemütlich im Tandem 🙂

Mir wurde vorgeschlagen, mit unserem nepalesischen Guide einen Tandemflug zu machen, da ich so unsicher in die Ferne schaute. Unsere Nichtfliegerin war schon mit ihm unterwegs gewesen und meinte er fliegt ziemlich crazy. War mit egal, ich packte meine Kamera ein und los ging’s. Ich fand es total entspannend sich mal durch die Luft kutschieren zu lassen und ich hatte ausreichend Zeit für Fotos. Wir drehten genau über dem Bergdorf auf und bald gesellten sich mehrere große Geier und Adler zu uns. Meine Begeisterung war grenzenlos. Diese riesigen Greifvögel flogen sehr nah an uns heran, sie berührten fast den Schirm. Wie majestätisch das aussah! Die fragten sich vielleicht auch, was zum Geier ist denn das für ein Geier? Mein Tandempilot nutzte wirklich jede noch so kleine Thermikablösung. Ich hätte da schon längst aufgegeben. Durch das Hantieren und gleichzeitiges Bilderanschauen auf der Kamera wurde mir auf einmal sauschlecht. Trotz der Frischluftzufuhr da oben. Auch fing ich an zu frieren, trotz des Anoraks. Mein Pilot hatte nicht mal Socken in den Turnschuhen an! Als es mir auch nach einiger Zeit nicht besser ging, wollte ich schnellstmöglich wieder festen Boden unter den Füßen haben. Er meinte aber, Landen geht nicht, er müsse noch weiter aufdrehen, hier sind wir zu niedrig um ins Tal zu gelangen. Noch eine gefühlte Stunde kurvten wir über dem Hochplateau. Zwar gewannen wir an Höhe, aber hinter dem Dorf verloren wir sie plötzlich wieder. Oha. Komfortable Landemöglichleiten gab es hier nicht, die Berge waren steil und dicht bewaldet und unten lag ein schmaler Flusslauf. Wir steuerten den Flusslauf an. Schließlich landeten wir sanft einen Fußbreit vor dem Wasser, mir fiel noch der Handschuh da hinein. War mir egal, ich legte mich auf die Steine und musste mich erst mal auskurieren. Zwei buntgekleidete Frauen versuchten zu ergründen, was mit mir los war. Mein Tandempilot sprach ein paar Bauern mit einem Traktor an und ehe ich mich erholt hatte, saßen wir beide auf dem Anhänger voller Bausand und zuckelten erst durch das Flussbett und dann eine steile Piste wieder den Berg hinauf. Die Fahrt dauerte ca. eine Stunde. Um nicht in dem aufgewirbelten Staub zu ersticken, zog ich mir nach Einheimischen Art ein Tuch vors Gesicht. Der Fahrer war mit zwei Dingen gleichzeitig beschäftigt, lenken und auf Facebook checken was die Freunde so machen. Wahrscheinlich teilte er allen gerade mit, was er denn da für eine Ladung auf seinem Anhänger transportiert.

Jede Landung mit dem Gleitschirm sorgt hier für einen Menschenauflauf.

Im Dorf angekommen, begab ich mich zu meiner Gastfamilie. Der Großvater saß im Hof in der Sonne und deutete auf den Platz neben ihm. Ich erzählte, wie ich heute über das Dorf geflogen war und zeigte meine Fotos. Er meinte Gleitschirmfliegen sei gefährlich. Am meisten interessierte er sich aber nicht für sein Dorf von oben, sondern er wollte Bilder von meiner Familie sehen. Familie hat hier einen hohen Stellenwert. Neben mir holte der junge Vater ein Huhn aus dem Stall und wusch es in einem Eimer. Oha, ich verstand, das war das Fleisch fürs Dal Bhat heute Abend. Endlich kam Jens. Er war am Berg topgelandet, weil er sich die lange Bergauffahrt sparen wollte. Allerdings hatte er dabei nicht bedacht, dass der Gepäckmarsch zurück ins Dorf 2 1/2 Stunden dauert. Er musste sich erstmal einen Weg durch die nepalesische Bergpampa bahnen. Etwas kaputt kam er an. Zur Feier des Tages legte der Vater einen Gartenschlauch in das Badehäuschen für eine kalte Dusche. Spät am Abend trafen die anderen Piloten ein, welche unten im Tal angekommen waren. Jede Landung dort sorgte für großes Aufsehen und erzeugte einen Menschenauflauf. Spâter im Taldorf waren sie von Einheimischen umringt, es wurden die Trommeln herausgeholt, gegessen, Bier getrunken und eine regelrechte Party gefeiert. Das wollte ich am nächsten Tag auch erleben!! Einer unserer Piloten war trotz Verbot oben bei unserem Bergdorf eingelandet und wurde von dem Feldbesitzer gleich zum Essen eingeladen.


Bruchlandung

Die Morgenroutine heute wurde noch durch eine Komponente erweitert. Neben Gebetssong und Frühbus wurde im Hindutempel gegenüber ein heiliges Ritual mit lautem Glockengeläut abgehalten. Es galt dem Baby unserer Gastfamilie, welches von nun an feste Nahrung zu sich nehmen kann. Dieses Ereignis wird groß gefeiert.

Mit den Geländewagen fuhren wir diesmal wieder so weit den Berg hinauf, bis diese trotz Allrad und Differenzialsperre aufgaben. Dann hieß es für die Piloten aussteigen und laufen. Das Gepäck durfte sitzenbleiben. Diesmal stiegen wir noch höher hinauf. Oben angekommen, war erst mal Parawaiting angesagt. Währenddessen wurde für die Unterhaltung unserer Fahrer gesorgt, denn unser Tan-dempilot flog einen nach dem anderen durch die Luft und landete top. Die hatten einen Heidenspass. Ich war mir nicht sicher, ob ich den Landeplatz unten im Dorf erreichen würde. Falls nicht, so nahm ich mir vor, konnte ich immer noch im Flussbett einladen, so wie den Tag zuvor. Das war mein Plan. Ich startete und drehte etwas vor dem Berg auf. Auf dem Weg zum Landeplatz war mir klar, dass die Höhe bis dahin nicht reichen würde. Ich flog den Flusslauf entlang und suchte eine geeignete Landemöglichkeit. Neben dem Fluss befanden sich steile bewaldete Berge. Ich entschied mich für eine Stelle, wo sich rechts ein Schotterfeld befand und links ein paar kleine Terrassenfelder. Es setzte mich etwas unter Stress auf dieser kleinen Fläche einladen zu müssen, denn der Fluss machte kurz darauf eine Biegung und dort waren nur Felsen. Von den Bäumen musste ich auch Sicherheitsabstand wahren. Ich war zu hoch und baute die Höhe zu spät und nicht konsequent genug ab. Als ich die Felder fast zu Ende waren und die Felsen immer näher kamen drehte ich um. Mit Rückenwind knallte ich bei der Landung mit dem Fuß gegen einen Stein. Der Aufprall war heftig und mir war klar, dass jetzt etwas Schlimmeres passiert sein musste. Vorsichtig packte ich meinen Fuß aus, der Knöchel begann gleich dick zu werden. Mist!

Fuß kühlen im eiskalten Flusswasser

Am liebsten wäre ich jetzt ohnmächtig geworden, aber ich musste einen kühlen Kopf bewahren. Ich war allein. Neben mir stand ein alter Bauer und zeigte erst auf den Himmel und dann auf mich. Ich beachtete ihn nicht, ich musste Hilfe holen. Laufen konnte ich wohl nicht mehr. Ich ermittelte meine GPS Koordinaten und schickte 2 SMS an unser Guides. Klappte nicht. Anrufen ging auch nicht. Kein Handyempfang. Das hatte mir gerade noch gefehlt. Ich robbte zu meiner Ausrüstung und holte das Funkgerät. Zum Glück hörte mich jetzt jemand. Ich beschrieb ungefähr wo ich war. Es dauert noch einige Zeit, bis ich hoch über mir ein paar Schirme am Himmel sah. Ich war unendlich erleichtert. Auch Jens war dabei. Unser Apotheker landete im Schotterfeld. Unser Nepali-Guide auch, beide kamen gleich zu mir herübergerannt. Jens landete neben mir. Der Apotheker legte mir den Helm unter den Fuß und Guide meinte, der Fuß muss dringend gekühlt werden. Da ich nicht laufen konnte, trug er mich zum Wasser und balancierte mit mir über die nassen Steine im Fluss. Ich hatte schon einen zweiten Absturz vor Augen. Das Wasser war eiskalt und der Knöchel jetzt dick. Er meinte, ich solle hier so sitzen bleiben, sie fahren ins Dorf und holen Eiswürfel. Jens blieb bei mir und wir saßen dort so 2 oder 3 Stunden, ich hatte kein Zeitgefühl. Am Abend kamen die Jeeps. Ich war stinksauer, dass mir dieser Fehler unterlaufen war beim Landen. Und dass ich die tolle Party in dem Dorf schon wieder verpasst hatte!! Ich wurde zum Jeep getragen und der Guide steckte mir Eiswürfel in die Socken. Die waren auf der Haut dermaßen kalt, dass es mir eiskalt den Rücken herunterlief. Die Fahrt wieder den Berg hinauf war nicht gerade ein Vergnügen mit meinem kaputten Fuß, jede Erschütterung spürte ich schmerzhaft. Nach einer Weile hatten die Eiswürfel dafür gesorgt, dass ich meinen Knöchel nicht mehr spürte. Die Socke war tropfnass, aber der Schmerz verschwunden. Im Dorf angekommen, trug mich unser nepalesischer Guide die steilen Stufen und Wege hinauf bis zu unserer Gastfamilie. Er kümmerte sich rührend um meinen Fuß. Ich war ihm sehr dankbar und auch erstaunt, dass er mich da einfach mal so den Berg hinauf tragen kann. Zwar bin ich ein Leichtgewicht, aber bergauf und auf längere Strecke bin ich ihm dann doch gewiß zur Last gefallen. Ich legte mich mit Klamotten ins Bett und konnte die Nacht auch ganz gut schlafen.

Die netten Dorfbewohner haben mir Krücken zur Verfügung gestellt. Leider in Nepali-Größe 🙂

Mein Fuß taute erst gegen Morgen wieder auf. Ich kam aus der Hütte gehumpelt und der Großvater sah sich bestätigt, dass Gleitschirmfliegen gefährlich ist. Die Meinungen teilten sich, ob der Fuß gebrochen oder nur geprellt war. In meinen Fliegerstiefeln fand ich Halt und konnte auch einigermaßen humpeln. Die alten Dorfbewohner stellten mir Krücken zur Verfügung, die mir aber etliche Nummern zu klein waren. Aber eine sehr nette Geste, fand ich rührend. Nach dem Abschied von diesen netten Menschen und mit duftenden Blumenketten behängt, machten wir uns auf den Rückweg nach Pokhara. Dort war eine Stupabesichtigung (World Peace Pagoda) geplant, die hoch oben auf dem Berg lag und die wir vom See aus immer gesehen hatten. Ich wollte mir das auf keinen Fall entgehen lassen, aber kam die vielen Stufen nur mühsam voran. Die Stupa durfte man nur mit Socken betreten. Sie war schneeweiß und mit goldenen Buddhas geschmückt. Von hier aus hatte man einen phantastischen Blick auf die Stadt, den See und die hohen Berge, welche sich wieder hinter den Wolken versteckten. Auf dem Rückweg trug mich der Nepalese wieder einen Teil der Stufen hinunter. Danach waren weitere Besichtigungen geplant, aber für mich kam nur eine Besichtigung des örtlichen Krankenhauses in Betracht. Ich hätte dieses Hospital .niemals gefunden, der Eingang lag unscheinbar zwischen zwei Einkaufsläden. Aber drinnen entpuppte es sich tatsächlich als Krankenhaus. Mich begleiteten zwei Fahrer und unser Guide. Zum Glück regelten die Nepalesen alles für mich. Von den anderen Patienten in der Notaufnahme wurde ich neugierig beäugt und die drei erzählten dann irgendeine Geschichte, ich hoffe es war die Richtige. Ich musste auch nicht lange warten, dann ging es zum Röntgen. Das Röntgengerät, Made in India, scheinbar nicht das neueste Modell, machte Bilder von meinem Fuß. Ich war jetzt echt gespannt auf die Diagnose. Ein sehr junger netter Arzt erklärte mir, dass ich den Innenknöchel gebrochen habe und der Bruch auch noch verschoben ist. Das bedeutet, der Knochen muss mittels Schrauben oder Platten wieder zusammengefügt werden. Diese Operation konnte aber auch in Deutschland erfolgen, da war keine Eile geboten. Er versorgte meine Verletzung, indem er mir einen Halbschalen- Gips anlegte. Ich hatte nämlich Angst mit einem Vollgips nicht durch die Sicherheitskontrollen am Flughafen zu kommen. Interessiert machten meine nepalesischen Begleiter mit dem Handy Fotos von meinem Röntgenbild, wahrscheinlich landen die Bilder jetzt auf Facebook. Dann besorgten die Jungs noch die Medikamente und legten das Geld für die Rechnungen aus. Hat 41,25 Euro insgesamt umgerechnet gekostet.

Jens besorgte mir am Abend eine Badeschlappe in XL, die befestigten wir mit Gleitschirmschnüren am Gips. So konnte ich ganz gut laufen. Meine Trekkingstöcke dienten als Gehhilfen. Bei den Tabletten blickte ich nicht durch, die nepalesischen Schriftzeichen waren für mich unentzifferbar. Ich fragte unseren mitreisenden Apotheker, ob er was gegen geschwollene Füße hat. Er hatte nämlich einen gut sortierten kleinen Medikamentenschrank dabei.

Eigentlich sollte jetzt das absolute Highlight der Reise folgen, eine 3-tägige Trekkingtour mit Sherpas auf einen 4.500 m hohen Vorgipfel des Machapuchare. Vom Gipfel wollten wir dann starten und wieder ins Tal fliegen. Durch den starken Schneefall im Himalaya die letzten Tage und ein zu kurzes Zeitfenster fiel die Tour aber aus. Schade, aber wâre für mich eh nicht mehr in Frage gekommen mit meinem Badelatsch.


Nepal pur in Bandipur

So ein tolles Hotel. Hier gibt es sogar warmes Wasser.

Am nächsten Tag sollte die Reise schon weitergehen nach Bandipur. Ich war etwas besorgt, wie ich die Fahrt überstehen sollte, aber es ging ganz gut. Bandipur liegt wieder auf einem Berg und ist ein total schöner Ort. Sogar eine Asphaltstraße führt hier hinauf. Die Häuser sind in der Nerwar Architektur errichtet, d.h. kunstvoll geschnitzte Balkone und Fensterläden geben den Gebäuden einen eigenen Stil. Auch unser Hotel war soooo schön, dass ich hier gern länger geblieben wäre. Die Aufgänge und Treppen waren eng und steil, die Fenster, Türen, Möbel wunderbar geschnitzt und die Aussicht auf der Terrasse auf das Achtausenderpanorama grandios. Die Berge waren nur leicht in Wolken gehüllt. Im Hotel hatten wir sogar eine warme Dusche. Gleich nach unserer Ankunft fuhren wir den steilen Weg zum Startplatz hinauf. Na toll, so ein einfaches Fluggebiet. Landeplatz sogar sichtbar, groß und nicht weit weg. Mist, dass ich nicht mehr fliegen kann. Außer uns waren auch noch einheimische Piloten hier. Ich schaute den anderen zu und ließ mich später von dem Fahrer zurück nach Bandipur bringen. Gleich neben dem Hotel fanden wir ein schönes Restaurant, wo wir abends essen gingen. Ich bestellte mir wieder gefüllte Momos mit scharfer Soße. Besonders hat mir auch Prabat geschmeckt, ein dünnes Fladenbrot mit Salat und Nüssen belegt. Die Warnung bei Dritteweltländern: Koch es, schäl es oder vergiss es …  ignorierte ich jetzt einfach. Das war sowas von lecker. Ich beschloss, den nächsten Tag nicht mit zum Startplatz zu fahren, sondern ihn gemütlich in diesem wunderschönen Hotel zu verbringen. Nach dem Frühstück auf der Terrasse machten sich die anderen auf dem Weg, um einen Tempel oben auf dem Berg zu besichtigen. Leider war der Weg für mich zu weit, Mist. Ich genoss die Sonne auf dem Balkon, schaute dem Treiben auf der Straße zu und trank eine Tasse Tee nach der anderen. Dann sah ich unsere Piloten in der Luft, wie sie über Bandipur flogen. Wow. Ich lief durch den Ort und schaute ihnen von unten zu. War schon sauer, dass ich nicht dabei sein konnte. Im Ort wurde ich wieder ständig angesprochen, wie ich heiße, woher ich komme und was mit meinem Fuß passiert ist. Indische Touristen wollten unbedingt ein Foto mit mir machen. Es war ein schöner ruhiger Tag an einem total zauberhaften Ort mit sehr netten Menschen.


Den Achttausendern so nah

Gleitschirme über dem Bergdorf

Abends hieß es wieder Rucksack packen, am nächsten Tag ging es weiter in das Heimatdorf unseres Guides im Lamjung Distrikt. Unsere Koffer sollten gleich nach Kathmandu transportiert werden. Wir reisten also wieder mit kleinem Gepäck, wie letzte Woche schon geschehen. Das Dorf lag auch hochoben auf einem Berg in ca. 2.000 m Höhe und die holperige unaspaltierte Auffahrt da hinauf wollte kein Ende nehmen. Diesmal dauerte es sogar 2 Stunden, ehe wir ankamen. Der Anblick der sich uns hier oben bot war der Hammer!!  Diesmal hatte man eine total klare Sicht auf die Berggiganten, direkt vor uns der Manaslu 8.156 m hoch, links der Annapurna 8.091 m hoch und noch weiter links der Dhaulagiri 8.167 m hoch. Rechterhand befanden sich noch weitere berge, 7000 m hoch. Der Anblick war unglaublich!! Das Dorf wurde bei dem Erdbeben 2015 fast vollständig zerstört und danach wieder neu aufgebaut. Wir waren wieder bei Gastfamilien untergebracht. Unsere Übernachtungszimmer dienten  manchmal auch als Lager, zum Beispiel für Reisesäcke oder Benzinkanister. Das Zimmer mit dem Benzin war auf jeden Fall ein Nichtraucherzimmer! Wir hatten Glück, außer unseren Betten befand sich nur ein Garderobenständer aus Bambus im Raum. Gleich nach der Ankunft ging es sogleich zum Fliegen. Der Startplatz war ok und der Landeplatz unten im breiten Tal leicht zu erreichen und groß. Tja, wäre wieder ein perfektes Fluggebiet für mich gewesen. Oben am Berg gab es noch einen Sportplatz zum Toplanden, allerdings waren die Windverhältnisse aktuell etwas zwielichtig und deshalb momentan nicht zu gebrauchen. Also 2-Stunden-Bergauffahrt. Mein Tandempilot fragte mich, ob ich Bock auf einen Tandemflug hätte. Da ich aber befürchtete meine Badeschlappe unterwegs zu verlieren (außerdem bekam ich auch keinen Startlauf hin), lehnte ich dankend ab. Ich schaute den anderen zu und ließ mich dann zurück ins Dorf fahren. Unsere Truppe kam erst zurück als es schon stockdunkel war, der Landeplatz lag schließlich nicht gleich um die Ecke. Zum Abend-essen wurde wieder Dhal Bat serviert und dann saßen wir noch am wärmenden Feuer beisammen und staunten über den grandiosen Sternenhimmel. Dazu noch Everestbier – perfekt! Was für ein toller Tag. Mit Skiunterwäsche bekleidet, fielen wir ins Bett. Natürlich gab’s auch hier keine Heizung. Dieses Dorf ist noch abgelegener und ursprünglicher als das andere. Die Menschen leben hier ein sehr einfaches Leben. Was man zum Essen braucht, wird auf den Feldern angebaut. Aber es gibt sogar Strom. Ebenso fließend Wasser (kalt) im Hof und eine Dusche für alle.

Am nächsten Morgen bleib uns die traumhafte Bergpanorama erhalten. Zum Frühstück gab es Teigkringel, welche auf dem offenen Feuer zubereitet wurden. Dazu hartgekochten Eier und Suppe. Wir frühstückten draußen und amüsierten uns über die Ziegen, die über die Reste der Mahlzeit herfielen. Außerdem lachten wir über die Hunde, die die Blechteller abschleckten, welche zum Spülen auf dem Boden lagen. Nepalesischer Geschirrspüler sozusagen, haha. Als Wegzehrung bekamen wir wieder ein kleines Lunchpaket mit (Eier, Kartoffeln), denn hier oben konnte man sich nichts kaufen. Die Wasserflaschen mussten wir uns aus dem Tal mitbringen, wir benutzten dieses Wasser auch zum Zähneputzen. Ich hoffte nur, dass das Wasser für unseren Tee/ Kaffee der uns serviert wurde, gut abgekocht war.

Ich saß oben am Startplatz und schaute den anderen beim Fliegen zu. Hier Gleitschirm zu fliegen, bei dieser Aussicht und weitab der “Zivilisation”, darum beneidete ich die anderen. Viele Dorfbewohner, vom Kind bis zum Greis hatten sich hier versammelt, um diese Attraktion nicht zu verpassen. Staunend schauten sie in den Himmel, wie es denn möglich ist mit so einem bunten Stück Stoff so hoch zu fliegen. Neben dem Startplatz liefen Frauen mit ihren Kiepen voller Feuerholz vorbei, welches sie zum Kochen brauchten. Für die Menschen hier kamen wir wirklich aus einer anderen Welt. Das wurde mir auf einmal so richtig bewusst.

Ich lief zum Toplandeplatz hinauf und starrte hier stundenlang in die Bergriesen an, die zum Greifen nah schienen. Am Gipfel des Manaslu wehte eine Schneefahne, auch die Gletscher konnte man deutlich erkennen. Im Geiste malte ich mir eine Aufstiegsroute aus. Ich habe viele Bergsteigerbücher regelrecht verschlungen. Dramatisch auch die Geschichte der Tiroler Manaslu-Expedition 1972. Reinhold Messner erreichte den Gipfel, beim Abstieg verschlechterte sich das Wetter dramatisch. Zwei Bergsteiger sind im oberen Lager bei diesem Schneesturm ums Leben gekommen.

Am Nachmittag lief ich zurück ins Dorf. Die Frauen waren mit der Hausarbeit beschäftigt: Reis mahlen, Reis in Säcke verstauen, Gemüse von den Feldern holen, Feuer machen, Essen kochen, Hof kehren usw.. Als ich bei der Frau mit der Reismühle stehen blieb, stand sie auf und holte mir eine Matte, damit ich mich zu ihr setzen konnte. Der Reis wurde im Stein zermahlen und das Mehl fiel auf den Boden, wo gerade noch die Hühner rumrannt sind. Ich ahnte, dass aus diesem Mehl die Teigkringel für morgen zubereitet werden. Aber Ausbacken soll ja alle Keime abtöten … hab ich gehört. Bald saßen rechts und links von mir noch andere Frauen und unterhielten sich. Leider konnte ich mich nur mit Händen und Füßen an der Unterhaltung beteiligen, denn sie sprachen kein Englisch. Später lief ich hinunter zu unserem Haus und als ich um die Ecke bog, erschrak ich erst mal. Auf dem Hof wurde gerade eine Ziege geschlachtet. Vier Hunde standen drumrum und traten von einem Bein auf das andere. Sie warteten ungeduldig auf ein Leckerli. Die Beine der Ziege lagen auch noch da, aber sonst war sie schon in alle Einzelteile zerlegt. Die Innereien köchelten auf dem offenen Feuer. Ich setzte mich etwas abseits der Gebeine hin und die freundliche Großmutter brachte mir Tee und gebratene Leber.

Am Himmel über dem Dorf sah ich die Gleitschirme.
Ich beobachtete, wie die untergehende Sonne den Manaslu ein rosa Licht tauchte.
Ich fand es toll, etwas so Schönes zu sehen.

Während es tagsüber richtig heiß war, kühlte es nach Sonnenuntergang gleich wieder ab. Abends saßen wir deshalb wieder ums Lagerfeuer, das Ziegenfleisch grillte vor sich hin. Es soll zäh gewesen sein wurde mir erzählt, ich bestellte vegetarisches Essen an diesem Abend. Es war eine tolle Stimmung, aber leider auch unser letzter Abend hier oben in den Bergen. Zur Hütte zurück fand man wieder nur mit der Taschenlampen-App, alles war in rabenschwarze Nacht getaucht.

Der Straßenverkehr ist schon abenteuerlich.

Unerschrockene Frühaufsteher wanderten noch vor Sonnenaufgang zum Startplatz hinauf und sahen der Sonne beim Aufgehen über den Achttausendern zu. Als ich durch Hahnkrähen und Töpfeklappern erwachte, war es schon zu spät für den magischen Sonnenaufgang. Der Plan für diesen Tag sah vor, ins Tal zu fliegen und dann zur Königsstadt Gorkha aufzubrechen. Abends wollten wir wieder in Kathmandu sein. Von den Dorfbewohnern wurden wir wieder sehr herzlich verabschiedet, sie hängten uns Blumenketten um und segneten uns mit einem Tika auf der Stirn (aufgeklebter Reis). Die Piloten wanderten zum Startplatz hinauf und ein Jeep fuhr mit dem Gleitschirmgepäck hinterher oder umgedreht. Ich ruckelte mit dem anderen Fahrzeug zurück ins Tal. Mich begleiteten noch drei andere Piloten die nicht fliegen wollten (einmal Kopfschmerzen und zweimal keine Lust). Wir winkten den Dorfbewohnern noch lange, dann waren sie im Staub verschwunden. Durch die Erschütterungen beim Fahren fiel auch nach und nach der Reis von der Stirn. Aus der Fliegerei wurde nichts – Rückenwind. Unser Jeep lud uns im Tal an der Straße aus und fuhr noch einmal hinauf, denn selbst mit viel gutem Willen passten nicht alle in ein Fahrzeug. Das war sehr ärgerlich, denn so verloren wir viel Zeit. Der Einzigste, der die Abkürzung durch die Luft nahm, war unser nepalesischer Guide. Tja, Heimvorteil. An der Straße befand sich ein “San Francisco Coffee Shop”. Dort vertrieben wir uns die Zeit, mit den anderen war nicht so bald zu rechnen. Der Coffee Shop bestand aus einer heruntergekommenen Wellblechhütte und die Tasse Tee kostete umgerechnet 12 Cent. Das war echt Touristennepp! Vor dem Servieren wurde noch einmal in die Tasse gehustet, ich hoffe die Frau hatte kein TBC. Vorbeifahrende Autos wirbelten dann noch einen Teelöffel Staub in das Heißgetränk. Bei vorbeifahrenden Bussen waren es gleich zwei Teelöffel.

In Dumre

Irgendwann trafen dann auch die anderen ein und gemeinsam machten wir uns auf den Weg nach Dumre. Die Fahrt war sehr unbequem, da uns nur zwei statt der drei Jeeps zur Verfügung standen. Auch die Ladefläche musste wieder Piloten aufnehmen. Aber mir wars egal, ich hatte ja meinen Behindertensitzplatz. In Dumre stiegen wir in einen Kleinbus um. Wir verabschiedeten uns von den Fahrern, ich hoffe mal, dass die auch einen Führerschein hatten. Auf alle Fälle haben sie uns auf den gefährlichen Straßen immer gut ans Ziel gebracht. Für Ghorka war es jetzt zu spät. Das ärgerte mich sehr. Unterwegs gerieten wir in einen Stau. Sofort waren Straßenhändler zur Stelle und verkauften alles, was man so zum Leben braucht. Vor und in Kathmandu kamen wir auch nur quälend langsam voran. Mittlerweile herrschte absolute Dunkelheit. Straßenbeleuchtung ist in Kathmandu nicht unbedingt üblich und es empfing uns das bekannte Chaos auf den Straßen. Besonders krass fand ich die Händler, die vor der Bordsteinkante am Straßenrand saßen und ihre Waren feilboten. Zehn Zentimeter daneben fuhren die Busse und Laster vorbei und gewiss auch das eine oder andere Mal über die Auslagen. Denn man konnte hier teilweise keine paar Meter weit sehen durch den Staub und die Dunkelheit, man war also etwas kurzsichtig unterwegs. Endlich trafen wir in Thamel ein. Das restliche Gepäck wurde uns aus Bandipur geliefert, da wir ja wieder nur mit Rucksack und Gleitschirmausrüstung unterwegs waren. Das Hotel sahen wir jetzt auch mit ganz anderen Augen, richtiger Luxus! Man schätzt wieder die einfachen Dinge des Lebens und nimmt nicht alles als selbstverständlich hin. Das hat uns diese Reise gezeigt.


Hindutempel, Buddhatempel und noch mehr Tempel

Abends gingen wir in ein tibetisches Restaurant. Neugierig bestellte ich mir einen tibetischen Buttertee (Schwarztee mit Salz und Yakbutter – wird viel im Himalaya getrunken). Der Tee erwies sich allerdings als seeehr gewöhnungsbedürftig und schmeckte nach Salzbrezeln mit zu viel Salz.

Der letzte Tag war für Shopping und Sightseeing reserviert. Ich kaufte kleine Buddhas aus Marmor und Gebetsfahnen, die uns ja überall auf der Reise begleitet hatten. Keine Straße, kein Haus hier in Nepal ohne die bunten Fahnen, die immer im Wind flattern. Für die Stadtbesichtigung mieteten wir uns eine Fahrradrikscha. Der alte Mann, der ohne Gangschaltung mächtig in die Pedale treten musste, war gleichzeitig Stadtführer und fuhr uns zu den buddhistischen und hinduistischen Sehenswürdigkeiten im Stadtzentrum. Kathmandu hat eine unglaubliche Tempeldichte. Ich fand es sehr interessant in die so fremde Kultur einzutauchen. Leider wurden einige Tempelkomplexe, die zum Weltkulturerbe gehören, durch das Erdbeben zerstört oder beschädigt.

Langsam wurde für uns die Zeit knapp, am Abend ging unser Flieger nach Dubai. Zurück zum Hotel wählte unser Rikschafahrer eine der Hauptstraßen und dort standen wir dann im Stau! Ich wurde echt nervös. Laufen konnte ich die Strecke zurück nicht. Die Abgase hatten alle Grenzwerte weit überschritten und als Fahrradrikscha eingequetscht zwischen zwei Bussen zu stehen, war auch nicht grad toll. Hier bekam man die chaotische Fahrweise hautnah zu spüren. Auf der Rangliste der PS-Stärken belegten wir den letzten Platz. Endlich kamen wir an. Danach ging es zum Flughafen. Mein Gips machte bei der Sicherheitskontrolle auch keine Probleme. Nur leider wollten sie mir die Trekkingstöcke abnehmen, welche ich zum Laufen brauchte. Einen konnte ich retten. Ich will doch nicht den Piloten umbringen, ich will nach Hause!!! Beim nächtlichen Anflug auf Dubai saß ich diesmal auf der richtigen Seite des Fliegers und sah das Burj Khalifa glitzern. War schon toll.

Gleich nach unserer Ankunft in Deutschland gings erst einmal ins Krankenhaus. Der Chirurg fragte mich, ob ich vom Everest geflogen sei 🙂 ! Das musste ich leider verneinen. Aber ich habe auf dieser Reise einen Piloten kennengelernt, der tatsächlich mit dem Gleitschirm vom Everest geflogen ist! Unglaublich!! Das Kennenlernen von interessanten Menschen und viele andere unvergessliche Momente haben diese Nepalreise zu etwas Besonderem werden lassen.

Namaste!